Glücksarchiv

Theologie und Glück

Das Thema "Glück" wurde in der christlichen Theologie und Religionspädagogik bisher eher stiefmütterlich behandelt. In kirchlichen Lehrbüchern sucht man das Stichwort vergeblich. Aber auch in der Bibel findet man lediglich im Alten Testament 34 Eintragungen, für das Neue Testament sind keine Eintragungen zu finden. "Offensichtlich lässt sich der leidende Gottessohn Jesus Christus nicht mit einer wie auch immer gearteten Vorstellung vom Glück in Verbindung bringen" – so vermutet Jörg Lauster, der mit seiner Veröffentlichung "Gott und das Glück" ein Gegengewicht zum bisherigen Trend setzt. Denn die Frage nach dem Glück und dem gelingenden Leben gehört zu den zentralen der Menschen in Vergangenheit und Gegenwart. Sie berührt individuelle, spirituelle und gesellschaftlich-ökonomische Aspekte. Welche wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen brauchen Menschen, um ein glückliches Leben führen zu können? Jeder ist seines Glückes Schmied – was kann ich selber zu meinem Glück tun oder lassen? Hilft mein Glaube bei der Suche nach einem glücklichen Leben?

Theologische Einsichten

Glück in theologischer Perspektive hat eine spirituelle Dimension, die sich im Gottesbezug der glaubenden Menschen findet.

In den Geschichten des Alten Testaments wird das eigene Leben mit allen glücklichen und schwierigen Tagen gedeutet als Gabe Gottes. So wird Josef als glücklich in Ägypten beschrieben, weil Gott bei ihm war und sein Geschick lenkte. Gott ist der Geber allen Glücks. Es lässt sich, so schreibt Lauster, erfahren in "Gütern und Widerfahrnissen, die auf den Geber selbst verweisen, also auf ihre transzendente Herkunft hin durchsichtig werden. Glück ist damit immer Ausdruck einer erfüllten Gottesbeziehung, und der Lebensgewinn der Religion gestaltet sich konkret als Lebensmut und Gottvertrauen."

Im Neuen Testament wird zwar an keiner Stelle das Wort glücklich benutzt, dennoch wird das Lebensgefühl beschrieben. Die Seligpreisungen (Matthäus 5) oder die Geschichte vom verlorenen Sohn (Lukas 15, 11-32) zeichnen Bilder gelingenden Lebens, in denen ein neuer Anfang geschenkt wird und eine Welt entworfen wird, in der Menschen Solidarität und Gerechtigkeit leben und erfahren können. Mit Jesus und seiner Vision des Reiches Gottes kommt ein neues Lebensgefühl in die Welt, das mit einer Umwertung der Werte, dem Durchbrechen des Zusammenhangs von Schuld und Strafe und dem Aufscheinen größerer Lebenshorizonte verbunden ist. Lauster schreibt dazu: "Denn dort, wo der Mensch den letzten Grund der ihn tragenden Wirklichkeit berührt und danach handelt, gewinnt er sich selbst über das hinaus, was ihm als Durchsetzung endlicher Wünsche und Interessen wichtig erscheint, und wird so zu einer Selbstlosigkeit höherer Ordnung befreit. … Es ist der Aspekt einbrechender Unverfügbarkeit und aufleuchtender Transzendenz, der das urchristliche Verständnis vom guten und glückenden Leben offensichtlich so schwer mit dem Konzept in Einklang bringen lässt, das unter dem Glück des Menschen die durch eigene Anstrengung zu erzielende Realität seiner besten ihm innewohnenden Anlagen versteht. Darin liegt sicher auch einer der Gründe, die im jüdisch-urchristlichen Kontext die großen Vorbehalte gegen den griechischen Begriff eudaimonia genährt haben."

Glück aus theologischer Perspektive wird man daher immer auch als Transzendenzerfahrung, als Grenzüberschreitung beschreiben. In erfüllten Momenten leuchtet ein anderer, die eigene Wirklichkeit überbietender Horizont auf. Lauster stellt es wie folgt das: "Eine Dimension unbedingten Sinns bricht in die Lebensführung des Menschen mit allen Kontingenzen herein. Im Augenblick dieses Glücks weiß der Mensch sich aufgehoben in einer ihm wohlwollend zugewandten, guten Wirklichkeit." Es sei dabei ein Zeichen der Gottebenbildlichkeit des Menschen, dass er dieses Streben nach Glück in sich trägt und nach Sinn sucht. In Momenten gelingenden Lebens werden Mut und Vertrauen geschenkt, die vielleicht die einzige Basis sind, optimistisch und zukunftsoffen durch das Leben zu gehen. Allerdings ist dieses Glück unverfügbar, nicht durch eigene Anstrengung zu erreichen. Es bleibt ein Fragment.

Lauster beschreibt daher die Aufgabe der Religion in der Frage des Glücks folgendermaßen: "Man spricht gemeinhin davon, die Aufgabe der Religion bestünde darin, die Komplexität der Wirklichkeit zu reduzieren, um so dem Menschen Übersicht zu geben. Im Falle des Zusammenhangs von Gott und Glück wird man umgekehrt argumentieren müssen: Religion erhöht die Komplexität des Glücks, um die Übersicht über das, was sich die Menschen unter dem Glück und seiner Erreichbarkeit in Frage zu stellen. Eine religiöse Deutung verabschiedet das Glück nicht … aufgrund der Tatsache, dass es offensichtlich so schwer oder gar nicht zu erreichen ist. Ebenso wenig beschränkt sie sich nicht einfach auf die Feststellung, das Glück sei unverfügbar. Einem religiösen Verständnis zufolge begegnet der Mensch vielmehr im Glück einem Überschuss an Wirklichkeit und einem Mehrwert des Lebens, der ihn ahnen lässt, dass dieses Glück nicht nur von dieser Welt ist."

(Autorin: Ute Beyer-Henneberger)


Zitat

Ein Gesicht bekommt ein Mensch, nicht indem er sich im Spiegel betrachtet,
sondern indem er auf etwas sieht, etwas wahrnimmt,
von etwas gebannt ist, was außerhalb seiner selbst ist.
So lernt der Mensch, sich von außen zu verstehen:
von der Kraft seiner Mütter und Väter her,
von der Kraft seiner Brüder und Schwestern.
Der Glaube, der Mut, die Hoffnung bauen sich von außen.
(Fulbert Steffensky: Feier des Lebens. Spiritualität im Alltag)